Dr. Siegbert Tarrasch - eine der bedeutendsten Persönlichkeiten, die die Schachgeschichte kennt. Weltmeister Wilhelm Steinitz nannte bereits 1885 den 23-jährigen Meister (Tarrasch wurde am 5. März 1862 in Breslau geboren) einen "Stern, der wahrscheinlich bald die erste Größe erreichen wird".
Deshalb sehe ich es mit großer Freude, dass siebzig Jahre nach seinem Tod eine Biographie über Tarrasch erscheint, der, wenn man von Dr. Robert Hübner absieht, dem höchsten Gipfel der Schachkunst näher als jeder andere deutsche Meister war. Gerade in Bayern wird das Werk eine umso dankbarere Aufnahme finden, als Tarrasch viele Jahre seines Lebens in Nürnberg und München verbracht hat.
Steinitz hatte mit seiner Voraussage Recht. Nach Tarraschs Turniersiegen in Breslau 1889, Manchester 1890, Dresden 1892 und Leipzig 1894 war es für die Schachwelt klar, dass außer Lasker nur Tarrasch als Träger der Schachkrone in Frage kam. Dem russischen Vorkämpfer Tschigorin fehlte es an der für die Weltmeisterschaft notwendigen Solidität, während der Nordamerikaner Pillsbury zu dieser Zeit noch wenig bekannt war.
Der Titelgewinn Laskers nach seinem siegreichen Wettkampf gegen Steinitz in New York 1894 entschied die Frage, wer der stärkste Spieler der Welt war, nicht. Laskers Turniererfolge kamen zu dieser Zeit denen Tarraschs noch nicht gleich. Sportlich wäre es interessanter gewesen, vor dem Wettkampf Lasker-Steinitz die Antipoden Tarrasch und Lasker in die Schranken treten und den Sieger gegen Steinitz um den Titel kämpfen zu lassen. Natürlich kann niemand sagen, wie ein solches Duell Tarrasch-Lasker ausgegangen wäre. Sicher aber wären Tarraschs Chancen 1894 günstiger als 1908 gewesen.
Was die Bedeutung für das Schach betrifft, übertraf Tarrasch manchen Meister, der ihm rein nach der Spielstärke überlegen war. Tarrasch war nicht nur ein großer Schachmeister, sondern auch ein großer Lehrmeister, vielleicht sogar der größte überhaupt. Er ging auf dem Weg von Steinitz, welcher der eigentliche Begründer des Positionsspiels war, weiter. Tarrasch erweiterte die Grundsätze von Steinitz durch eine Reihe von Lehren, die heute zum Allgemeingut aller starken Spieler gehören. Durch das Studium alter Partien kam er zu der Überzeugung, dass freie Figurenentwicklung die beste Voraussetzung gegen einen Angriff des Gegners ist. Mit vielen seiner Lehren, die heute noch Gültigkeit haben, hat er das Schachspiel leichter gemacht und viel zur Popularisierung des Schachs beigetragen...